5cdd922e-e139-43c3-915f-07a779ba0289.jpg

Winkelfehlsichtigkeit

Winkelfehlsichtigkeit (engl.: associated phoria) ist eine Augenkoordinationsstörung, bei der die beiden Augen in ihrer natürlichen Stellung nicht genau ausgerichtet sind. Dabei können die Augen in ihrer Stellung nach aussen, innen, oben oder unten abweichen. Am häufigsten kommt eine Kombination von Seiten- und Höhenabweichung vor.

Damit keine störenden Doppelbilder entstehen, versucht das System Auge-Gehirn, die Augenstellung so zu korrigieren, dass die entstehenden Bilder deckungsgleich aufeinander zu liegen kommen.


Mittels Nervenimpulsen und Augenmuskelarbeit werden die Abweichungen mehrere Male pro Sekunde korrigiert. Diese Korrektureinstellung erfolgt zusätzlich zu den normalen Einstellbewegungen der Augen auf neu angeblickte Objekte. Dies erfordert sehr viel Kraft und Konzentration.

Viele Menschen haben genügend Kraftreserven, diese Korrektureinstellungen so auszuführen, dass sie die Abweichungen nicht störend behindern.


Sobald diese Korrektureinstellungen nicht mehr andauernd und optimal ausgeführt werden können, zum Beispiel durch Ermüdung, entstehen leichte Doppelbilder. Die Seheindrücke scheinen sich zu bewegen, Schriften beginnen sich zu verschieben, Einzelbuchstaben oder Wortendungen werden übersehen oder Zeilen verschmelzen und werden übersprungen.

Wird eine Winkelfehlsichtigkeit schlecht ausgeglichen, sind Anstrengungsbeschwerden bei Nahtätigkeit oder konzentriertem Blick oft die ersten Anzeichen. Augendruckgefühl, müde Augen, verschwimmen von Buchstaben bei langem Lesen sind typische Auffälligkeiten. In vielen Fällen haben Kopfschmerzen bis hin zur Migräne ihre Ursache in einer Winkelfehlsichtigkeit. Verzögerte Anpassung des Augenpaares an veränderte Sehbedingungen, z.B. bei Helligkeitswechsel oder beim Blick von der Nähe in die Ferne, werden oft bemerkt. Ebenso kann kurzzeitiges Doppeltsehen beim Lesen oder beim Blick in die Ferne Folge einer schlecht kompensierten Winkelfehlsichtigkeit sein.

Wird eine Winkelfehlsichtigkeit längere Zeit schlecht ausgeglichen, kann sich die Qualität des räumlichen Sehens verschlechtern oder bei Kindern nicht richtig ausbilden. Räumliches Sehen ermöglicht die eigene körperliche Lage im Verhältnis zur Umwelt zu definieren. Auge-Hand-Koordination, Auge-Fuss-Koordination, Orientierung im Raum oder in einem Text und das Einschätzen von Entfernungen werden vom räumlichen Sehen beeinflusst. Speziell im Strassenverkehr und bei Nahtätigkeiten ist ein gutes räumliches Sehen wichtig.

In vielen Fällen steigt bei einer nicht gut kompensierten Winkelfehlsichtigkeit die Blendempfindlichkeit an. Die Augen reagieren auf Veränderungen der Helligkeit verlangsamt, die Lichtempfindlichkeit nimmt zu. Dies kann sich sowohl bei Sonne als auch im Strassenverkehr bei Dämmerung und nachts äußern.

Besonders beim Lesen, bei Naharbeiten und am Computer kann es zu schnellerer Ermüdung kommen. Konzentrationsstörungen, auftreten von Flüchtigkeitsfehlern oder verschwimmen von Buchstaben sind typische Anzeichen von visuellen Problemen im Nahbereich.


Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten haben in vielen Fällen Probleme, in der Zusammenarbeit der beiden Augen, beim Zielen und Einstellen der Schärfe (Akkommodation) auf ein nahes Objekt. 

Korrektur des beidäugigen Sehens

Mit speziellen optometrischen Untersuchungen können Probleme des beidäugigen Sehens untersucht werden. Der Zeitaufwand für diese Sehprüfung ist deutlich höher als für eine «normale» Überprüfung der Sehschärfe. Wird dabei eine Winkelfehlsichtigkeit gemessen, so kann diese mit speziellen Brillengläsern ausgeglichen werden. Dabei wird den Augen ermöglicht in ihrer Gleichgewichtsstellung, mit geringstmöglicher Anstrengung, gemeinsam zu sehen. Da eine Winkelfehlsichtigkeit oft über viele Jahre unter ständiger muskulärer Anspannung ausgeglichen wird, kann bei einer ersten Messung und Korrektur, die Winkelfehlsichtigkeit nicht komplett erfasst werden. Es kann daher sein, daß weitere Messungen und Korrekturen notwendig sind. In der Regel sieht man diese spezielle Korrektur den Gläsern und den Augen nicht an. Wie bei allen größeren Sehfehlern werden jedoch auch bei der Winkelfehlsichtigkeit die Brillengläser dicker und schwerer.


Wie jede Brillenkorrektur führt auch die Korrektur einer Winkelfehlsichtigkeit zu einer Veränderung des räumlichen Sehens. Dies kann, besonders bei schon lange bestehenden Winkelfehlsichtigkeiten, anfänglich zu ungewohnten Seheindrücken führen. Nach einiger Zeit wird der ungewohnte räumliche Seheindruck wieder als normal wahrgenommen.

Um die Zusammenarbeit der Augen und das genaue Ausrichten der Augen auf bestimmte Objekte prüfen zu können, sind im Laufe der Jahre verschiedenste Geräte und Methoden erfunden und entwickelt worden.


Alle diese Messverfahren messen Geräte- und Situationsspezifisch etwas anderes. Bei einigen Methoden versucht der Untersucher eine Abweichung zu erkennen, ohne dass der Prüfling etwas dazu sagen kann. Das Resultat ist dementsprechend abhängig vom Können und der Beobachtungsgabe des Untersuchers. 


Bei anderen Verfahren arbeiten Prüfling und Untersucher zusammen. Bei einfacheren Geräte wird nur in einer Prüfanordnung gemessen. Exaktere Verfahren verwenden eine Prüfreihe mit verschiedenen Testtafeln, entsprechend den verschiedenen Funktionen des beidäugigen Sehens.


Es gibt Geräte die eine Prüfung in 1 bis 2 Minuten erlauben. Als Ergebnis bekommt man eine Art Momentaufnahme. Bei anderen Testverfahren dauert die durchschnittliche Messung bis zu 30 Minuten. In dieser Zeit können sich allfällige Verspannungen und krampfartige Haltezustände langsam lösen. Die Messergebnisse fallen entsprechend unterschiedlich aus.


Für grobe Augenstellungsabweichungen (Schielen), bei denen der Patient nicht in der Lage ist, seine Augen willentlich und selbständig in eine parallele Stellung zu bringen, hat sich die schnelle Cover-Methode als optimal herausgestellt. Durch Abdecken des einen Auges und Ausgleichen des Schielwinkels mittels Prismenleiste vor dem anderen Auge, korrigiert der Untersucher solange, bis keine Schiel-Einstellbewegung mehr sichtbar ist.


Bei Augenkoordinationsstörungen von kleinerem Ausmass, besonders wenn der Patient die Winkelabweichung zeitweise selbst kompensieren kann, führt die COVER-Methode zu unvollständigen Resultaten und damit zu Fehl-Messungen.

Bei Winkelfehlsichtigkeit («verstecktes Schielen» oder internationaler: «Associated Phoria») versucht der Patient seine Augenstellungsabweichung möglichst selbst auszukorrigieren. Dies erfolgt unter riesigem Energieaufwand. Andauernd neue Nervenimpulse bewirken eine ständige Muskelarbeit um den, manchmal sehr kleinen, Stellungsfehler ausgleichen zu können. Eine solche Höchstleistung kann der Mensch kurze Zeit kontrolliert ausführen. Sehr bald sucht der betroffene Patient Abhilfen und Erleichterungen. Es entstehen Verkrampfungen, Ausschaltphänomene und Automatismen, die nicht «auf die Schnelle» zu lösen sind. Entsprechend sind Testanordnungen gefragt, die solche Zustände langsam auflösen und eine exakte, reproduzierbare Messung zulassen.


Vor über fünfzig Jahren hat der deutsche Augenoptikermeister H.-J. Haase in Berlin ein entsprechendes Testgerät entwickelt. Es ist seither ständig weiterentwickelt worden und wird unter dem Namen «Pola-Test» angeboten. Nicht nur das Gerät wurde verbessert und der neusten Technik angepasst, auch die Methodik, mit der die Messungen auszuführen sind, hat sich weiterentwickelt.

Natürlich kann man dieses Gerät, mit einem Volumen von bis zu 30 Prüftafeln, auf verschiedene Weise anwenden. Um eine Winkelfehlsichtigkeit genau bestimmen zu können, bedarf es eines sehr komplexen, genau vorgeschriebenen Vorgehens. Diese Methodik nennt man nach dem Erfinder Mess- und Korrektionsmethodik nach H.-J. Haase (MKH).


Wichtig: Nicht alle die einen Polatest besitzen, messen nach MKH. Nicht alle die Winkelmessungen vornehmen, arbeiten nach MKH.


Eine vollständige und genaue Messung der Winkelfehlsichtigkeit ist nur mit MKH möglich.